250 Dollar: Kaution (3/5) - Die komplette neue NZZ-Serie zum Nachhören
Shownotes
Die Ereignisse spitzen sich zu: NZZ-Reporter Alex Spoerndli und Mittelsmann Fargo versuchen, das Lösegeld für Christian zu beschaffen. Er wurde auf seiner Reise nach Europa von libyschen Menschenhändlern gefangen genommen. Die Situation wird durch nervöse Schmuggler, die bevorstehende Ramadan-Deadline und ein undurchsichtiges Geld-Netzwerk namens Hawala immer brenzliger.
Während das Lösegeld auf mysteriösen Umwegen zwischen der Schweiz, der Türkei und Libyen unterwegs ist, verdichten sich die Hinweise, dass Christian mehr Geheimnisse hat, als Alex bislang kannte.
In dieser Folge des NZZ-Investigativ-Podcasts suchen Alex und Fotograf Vincent ausserdem in Nigeria nach Spuren aus Christians Vergangenheit – und treffen dabei unter anderem auf einen König und einen Musikproduzenten. Gleichzeitig wird klar: Sollte das Lösegeld zu spät eintreffen, droht Christian der Verkauf an andere Menschenhändler. Und dann könnte sich seine Spur komplett verlieren.
Host: Alex Spoerndli, NZZ-Reporter und Dokumentarfilmer
In der NZZ schreibt Alex auch über seine Spurensuche in Nigeria und sein Treffen mit dem König. Diese Geschichte und den gesamten digitalen Content der NZZ kannst du dir mit einem Probeabo anschauen.
Redaktion und Regie: Dominik Schottner. Produktion und Story Editing: Sven Preger und Sarah Ziegler. Audio-Post und Sounddesign: Florian Steinbach, Ediz Kiracar und Yvan Brunner von Brauereisound in Zürich. Musikkomposition: Louis Edlinger Fotos: Vincent Haiges Grafik: Olivia Blum
Dank an: Mayan Msaed, Karin Wenger, Stella Männer, Julian Busch, Tobias Schreiner, Collin Mayfield und Jagoda Grondecka. Ausserdem: Riad Ayoube, Eden Bonibo und Killian Pfeffer.
Transkript anzeigen
00:00:01:
00:00:12: Das ist Fargo.
00:00:13: Und er ist zauer auf mich.
00:00:15: Fargo und ich versuchen, meinen Freund Christian zu retten.
00:00:19: Als nigerianischer Migrant wollte er sich an die Mittelmeerküste schmuggeln lassen.
00:00:23: Wurde dabei über den Tisch gezogen und in Libyen von seinen Schmugglern gefangen genommen.
00:00:29: Ein Typ hat ihm das halbe Geld für die Fahrt abgeluchst.
00:00:32: Geld, das Christian dringend gebraucht hätte, um seine Schmuggelschulden zu bezahlen.
00:00:48: Fargo meint, dass hier seit keine Geiselnahme.
00:00:51: Ich schon.
00:00:52: Die Schmuggler halten Christian ja gegen seinen Willen fest und verlangen ein Lösegeld.
00:00:57: Was ist das, wenn ich eine Geiselnahme?
00:01:00: Egal, wie wir es nennen.
00:01:02: Die Lage ist gefährlich.
00:01:04: Und Fargo ist sauer.
00:01:06: Weil ich nicht auf ihn gehört habe, haben die Schmuggler das Lösegeld auf zweihundertfünfzig Dollar verdoppelt.
00:01:21: Die Schmuggler haben mir bereits gedroht, Christian zu töten.
00:01:25: Und von den Geschichten, die ich kenne, weiß ich, dass es gar nicht so unrealistisch ist.
00:01:31: Ich habe Angst um ihn.
00:01:32: Wollte die Kontrolle nicht abgeben.
00:01:34: Ohne irgendeine Ahnung zu haben.
00:01:37: Anders als Fargo.
00:01:42: Er weiß, wie man mit Menschenhändern verhandelt.
00:01:45: Er hat es selbst schon gemacht.
00:01:47: Deshalb habe ich ihn ja um Hilfe gebeten.
00:01:49: Und deshalb sagt er jetzt zu mir, bis hierher und nicht weiter.
00:02:06: Ich muss mich zurücknehmen und ihm vertrauen.
00:02:29: Wenn du sagst, es ist gut und es ist sauber,
00:02:35: dann ... Ja,
00:02:37: absolut.
00:02:37: Ich glaube, ich glaube, du bist das.
00:02:40: Fargo ist mein Fixer und Kollege.
00:02:42: Wenn ich ihn lieb in jemandem trauen kann, dann ihm.
00:02:46: Dafür kümmere ich mich um etwas, was wir schon jetzt besonders gut können.
00:02:51: Diskret Geld beschaffen.
00:02:56: Ich bin Alex Spörngle, Journalist und Dokumentarfilmer.
00:03:00: Und das ist ... Wie ich einen Menschen freikaufe.
00:03:06: Ein Podcast der NZZ und der Bruststiftung.
00:03:10: Okay, okay, excellent, excellent.
00:03:28: Er hat gerade mit Gadi, dem Schmuggelschef, gesprochen.
00:03:31: Er nennt ihn Libya Man.
00:03:50: Gerade ist Donnerstagabend.
00:03:52: Morgenstatt der Ramadan bei Sonnenuntergang.
00:03:55: Der islamische Fastemmonat bedeutet, dass die Nachbarn, Festessen und Familien feiern.
00:04:01: Eine teure Angelegenheit.
00:04:04: Dafür will Gerdy das Lösegeld haben.
00:04:07: Wir müssen schnell handeln, bevor er auf dumme Ideen kommt und seine Wut an Christian auslässt.
00:04:17: Wir sind uns einig.
00:04:18: Wir machen das.
00:04:20: Es gibt nur ein Problem.
00:04:30: Das Geld.
00:04:32: Fargo hat mal wieder keins.
00:04:34: Wie immer.
00:04:35: Lebt wie viele Nigerianerinnen und Nigerianer in Libyen von der Handen im Mund.
00:04:40: Meistens als Tagelöhner auf dem Bau.
00:04:54: Wir überschlagen schnell.
00:04:57: Lösegeld, Transport, Etwas Taschengeld für Wohnung, Essen, Basics.
00:05:02: Puffer, damit Christian nicht gleich wieder in der Schuldenfalle landet.
00:05:07: Zwei-tausend vierhundert Dina sollten reichen.
00:05:09: Etwa vierhundert US-Dollar.
00:05:21: Jetzt muss das Geld nur noch zur Fargo nach Libyen.
00:05:25: Schwierig.
00:05:30: Weil Libyen und Geld, das ist so eine Sache.
00:05:35: Nachdem wir dort den Dokumentarfilm abgedreht hatten, überweise ich Vincent dem Fotografen sein Honorar.
00:05:42: Eine simple Transaktion von der Schweiz nach Deutschland.
00:05:45: Eigentlich.
00:05:47: Denn einen Tag später ruft mein Bankberater an.
00:05:50: Total verzweifelt.
00:05:52: Herr Spörnli, gut, dass Sie erreichen.
00:05:54: Ich muss ganz, ganz dringend die Transaktion mit Ihnen anschauen.
00:05:58: Unser System hat sich bei mir gemeldet wegen Terrorfinanzierung und Geldwösch.
00:06:04: Ich Depp hatte in die Beschreibung Libyen geschrieben.
00:06:08: Da haben bei meiner Bank direkt alle Warnsysteme angeschlagen.
00:06:12: Kein Wunder, dubiose Geldflüsse mit Libyen gibt es genug.
00:06:17: Siehe Kauser-Sarkusien.
00:06:19: Der französische Ex-Präsident wurde gerade verurteilt, bei der Shady-Wahlkampfgelder vom libischen Ex-Diktator Gaddafi angenommen hatte.
00:06:29: Ich erkläre also meinen Bankberater geduldig, was bei mir anlegt.
00:06:33: dass ich Vincent sein Honorarfe an den Dreh schulde.
00:06:36: Keine Terrorfinanzierung, nur Journalismus.
00:06:39: Keine Geldwäsche.
00:06:40: Bankberater, beruhigt.
00:06:45: So.
00:06:46: Und jetzt stellt euch mal vor, ich hätte das Geld nicht nach Deutschland, sondern direkt nach Libyen geschickt.
00:06:52: Mit dem Vermerk Lösegeld oder Kidnapping.
00:06:56: Dann könnte ich jetzt vielleicht mit Sarkozi net wirken in der Gefängniskantine.
00:07:01: So schlimm ist es nicht.
00:07:02: Es würde auf jeden Fall ewig dauern, bis es ankommt.
00:07:05: Also, lieber lassen.
00:07:09: Weil Fargo mein Fixer in Libyen ist und immer wieder für mich arbeitet, schicke ich ihm öfter Geld.
00:07:15: Und normalerweise machen wir das über seine Hausbank.
00:07:18: Mama Fargo Limited.
00:07:23: Das funktioniert so.
00:07:25: Ich schicke per Western Union US-Dollar an Fargo's Mama in Nigeria.
00:07:31: Die lässt sich das Geld auf ihr lokales Konto einzahlen.
00:07:34: In der nigerianischen Währung Naira.
00:07:37: Dann schickt sie einen Inlandtransfer an das negrianische Konto eines Geldwechselers.
00:07:43: Er sieht den Zahlungseingang und gibt Fargo das Geld bar auf die Kralle in libyschen Dinar.
00:07:49: Das System funktioniert wie jede andere Bank auch.
00:07:53: Mit dem feinen Unterschied, dass es quasi keine Regeln und keine Bankenaufsicht gibt.
00:07:59: Und damit auch keine Sanktionen, Warnsysteme oder verzweifelter Bankberater.
00:08:05: Dieses System heißt Hawalla.
00:08:07: und umspannt praktisch die ganze Welt.
00:08:10: Jährlich werden etwa zweihundert Milliarden Dollar darüber abgewickelt, ganz ohne Spuren zu hinterlassen.
00:08:17: Und wer liebt das?
00:08:19: Genau.
00:08:19: Unter anderem Kriminelle.
00:08:21: Für sowas wie Geldwäsche, Terrorfinanzierung oder Menschenhandel.
00:08:29: Unsere zweihundertfünfzig Dollar Lösegeld sind also perfekt darin aufgehoben.
00:08:35: Mama Fargo ist dieses Mal aber raus.
00:08:38: Sie braucht einen Tag, um das Geld bei der Bank zu holen.
00:08:41: Das dauert zu lange.
00:08:44: Fargo schlägt vor, mit einem liebischen Haarwallerbänker zu arbeiten.
00:09:05: Fargo kennt gleich mehrere Geldwechseler, denen er vertraut.
00:09:09: Sein Argument?
00:09:10: Die Läden arbeiten zusammen.
00:09:12: Der Druck aus der Gruppe sorge für Sicherheit.
00:09:16: Ich habe da meine Zweifel.
00:09:18: Ob ein Syndikat von Schwarzmarktbonkees tatsächlich so vertrauenswürdig ist?
00:09:24: Aber ich muss Fargo vertrauen.
00:09:26: Er kennt sich da besser aus.
00:09:31: Der Western Union Guy ist Fargos liebischer Lieblings-Hawalla-Banker.
00:09:37: Er hat bereits mit ihm den Wechselkurs und Details verhandelt.
00:09:41: Wir schicken vierhundert Dollar und bekommen dafür heute noch zwei tausend vierhundert Dinar.
00:09:47: Perfekt.
00:09:56: Ich soll mit Western Union Geld in die Türkei schicken.
00:10:00: Zum Ruder des Geldwechsels.
00:10:03: Hat er das Geld in Istanbul erhalten, gibt er seinem Bruder in Libyen Bescheid, der dann Fago auszahlt.
00:10:14: Fargo bekommt eine Passkopie des Bruders, leitet sie mir weiter.
00:10:18: Ich muss bei Western Union den vollen Namen des Empfängers angeben, so wie er im Pass steht.
00:10:24: Dafür bekomme ich eine Sicherheitsnummer, die ich dem Bruder des Geldwechselers in der Türkei schicke.
00:10:31: Nur mit beiden.
00:10:32: Pass und Nummer kann der das Geld abholen.
00:10:36: Western Union sagt außerdem, ich solle kein Geld schicken, wenn ich den Empfänger nicht kenne.
00:10:43: Ich ein Immigrationsproblem lösen möchte.
00:10:46: Oder wenn es eine Notsituation gibt, von der ich mich nicht selbst überzeugen konnte.
00:10:52: Tja, können wir nicht ändern.
00:10:55: So schicke ich.
00:10:57: Top überprüft.
00:10:58: Mehrere hundert Dollar.
00:11:00: an einen fremden Mann in der Türkei, um meinen illegal emigrierten Kumpel in Libyen aus der Hand von Menschenschmugglern zu befreien.
00:11:10: Ich hoffe, das klappt.
00:11:12: Was einmal bei Westen Union liegt, siehst du nie wieder.
00:11:24: Fargo scheint in all dem kein Problem zu sehen und glaubt, ich könne das Geld wieder zurückholen, wenn etwas schief geht.
00:11:31: ärgert mich diese Nonschalance.
00:11:34: Vierhundert Dollar sind auch für mich keine kleine Summe.
00:11:37: Ja, nicht existenzbedrohend, aber trotzdem Geld, was ich für etwas anderes hätte brauchen können.
00:11:43: Essen, Miete, Leben.
00:11:46: Auch wenn ich weit mehr Geld verdiene als Fargo oder Christian, Fargo's Haltung nervt mich.
00:11:53: Ich schreibe ihm.
00:11:56: Nope, once it's sent, it's sent.
00:11:59: Weg ist weg.
00:12:01: Wir sind in Overy.
00:12:09: Im Südosten Nigerias.
00:12:11: Weil ich wissen will, wer Christian wirklich ist, sind der Fotograf Vincent Heiges und ich nach Nigeria gereist.
00:12:18: In der Hoffnung, auf Spuren von Christians altem Leben zu stoßen.
00:12:23: In Lagos, Christians altem Wohnort, waren wir ziemlich erfolglos.
00:12:28: Doch jetzt haben wir einen Musikproduzenten ausgegraben, bei dem Christian nach eigenen Angaben mal einen Track produziert hat.
00:12:36: Und dieser Produzent hat sein Studio hier in Overy.
00:12:46: Der Produzent ist gerade mit zwei Musikern im Studio und bearbeitet den Gesang eines siebzehnjährigen, der sich Judot nennt.
00:13:04: Judot sagt, jeder Musiker hier hätte eine Geschichte, die er erzählt.
00:13:09: Und seine handelt vom Straßenleben, vom Hastel.
00:13:26: Er nennt seine Musik Afro Drill, weil er den Nigerianischen Lifestyle in amerikanischen Drill Rap verpackt, sein Lieblingsgenre.
00:13:34: Ich frage ihn, was sein Ziel ist.
00:13:39: Ich bin ein internationaler Artist.
00:13:46: Ich bin einfach einfach.
00:13:52: Aber ich möchte nur ein
00:13:58: weltweites Leben sein.
00:14:08: Ich bin ein Legend.
00:14:11: Vielleicht stand Christian wie Judith am selben Ort, in der Soundkabine in diesem Studio.
00:14:18: Vielleicht mit dem selben Traum von Ruhm, Ehre und Reichtum vor den Augen.
00:14:24: Produzent Enzi ist mittlerweile mit Judith so fertig und reist mich aus meinen Gedanken.
00:14:39: Ich zeige Enzi ein Bild von Christian.
00:14:41: Ob er ihn kenne, will ich wissen.
00:14:44: Nein, sagt er.
00:14:57: So viele Musiker gingen hier ein und aus.
00:14:59: Er kenne nur die, die regelmäßig kommen.
00:15:03: Und wenn es fünf Jahre zurück liegt, wie ein Christiansfall, kennt er das Gesicht erst recht nicht mehr.
00:15:09: Ich spiele ihm den Track vor.
00:15:28: Aber auch da.
00:15:29: Keine Erinnerung.
00:15:38: Auch diese Spur scheint tot zu sein.
00:15:41: Kommt die Erinnerung vielleicht durch Christians alten Account bei Twitter, heute X?
00:15:53: Nein, sagt Enzi.
00:15:55: X nutze er nicht.
00:15:58: Ich verstehe nicht, was man hier
00:16:06: sieht.
00:16:07: Ich verstehe
00:16:10: nicht, was man hier sieht.
00:16:13: Ich verstehe nicht,
00:16:18: was man hier sieht.
00:16:22: Ich verstehe nicht, was man
00:16:25: hier sieht.
00:16:29: Christian ist mit seiner Musik nicht wirklich berühmt geworden.
00:16:34: Enzi aber glaubt, wenn man es wirklich seriös versucht, schafft man es auch.
00:16:39: Manchmal fehlen aber einfach die Motivation.
00:16:47: Ima unterbricht ihn und meint.
00:17:02: Wenn du nur wenige Follower hast, kannst du so viel posten, wie du willst.
00:17:06: Da kommst du nicht weit.
00:17:15: Außer du pusst deine Posts mit Geld.
00:17:18: Aber davon, wie von so vielem anderen, hatte Christian in Nigeria zu wenig.
00:17:24: Er dachte vielleicht, er singe gut und der Erfolg komme von selbst.
00:17:30: festzustellen, dass er auch hier Geld braucht, um Türen zu öffnen.
00:17:34: Das muss verdammt Wege getan haben.
00:17:37: Musik war für Christian eben kein Hobby, wie wir es in Europa haben, sondern ein möglicher Ausweg aus seinem Leben in Nigeria.
00:17:46: Wie später seine Reise durch die Wüste.
00:17:56: Zurück zur Geiselnahme.
00:17:58: Fargo ruft mich an, mein Fixer.
00:18:00: Wir warten beide gerade darauf, dass der Geldwechsel in Istanbul endlich das Geld abholt.
00:18:07: Fargo ist wieder sauer.
00:18:08: Aber dieses Mal auf Christian.
00:18:11: Der braucht eine Warnung, wenn er rauskommt.
00:18:20: Fargo meint, Christian hätte die Tendenz in Schwierigkeiten zu geraten.
00:18:26: Wie zum Teufel eher Christian auf die Idee gekommen sei, die Fahrt von Sub-H nach Tripolis auf Credit zu machen.
00:18:34: Er hatte damals die Hälfte der Fahrt bezahlt und den Rest an einen Kumpel überwiesen, den eigentlichen Tripolis hätte abholen sollen.
00:18:41: Nur tauchte der nie auf.
00:18:46: Er wirft Christian vor, dass er genau wusste, was passieren würde.
00:18:50: Libyen, Korruption, Überfälle, Geiselnamen, Menschenhandel.
00:18:55: All das sei doch nichts Neues.
00:19:04: An Christenstelle hätte er von Anfang an den vollen Betrag bezahlt.
00:19:09: Er wäre aber nicht bis nach Tripolis gefahren, sondern in einem Vorort abgesprungen.
00:19:14: Um zu verhindern, dass er bei Ankunft Probleme mit seinen Schmugglern kriegt, sollten sie ihn über den Tisch ziehen wollen.
00:19:30: Und jetzt lassen sie den anderen Typen nicht mehr raus?
00:19:37: Ich bin etwas lost.
00:19:39: Bin ich ein anderer Typ?
00:19:41: Wovon redet Fago?
00:19:47: Anscheinend hatte ein anderer Mann das gleiche Problem wie Christian.
00:19:51: Vertrauenspersonen mit dem Geld weg, Schmuggler wütend und zack, eingesperrt.
00:19:58: Der konnte seine Schulden dann aber irgendwie begleichen.
00:20:02: Die Schmuggler lassen ihn aber nicht gehen, bis auch Christian bezahlt.
00:20:09: Der Mann sei von der Volksgruppe der Hauser aus Nordnigeria.
00:20:13: Und die Hauser sprechen sehr gut arabisch.
00:20:15: Die Schmuggler hätten daher Angst, dass der Mann zur Polizei geht, sobald sie ihn freilassen.
00:20:22: Das ist jedenfalls Fargos Theorie.
00:20:24: Meine Theorie ist, die Schmuggler wollen Druck aufbauen.
00:20:31: Ach, Christian, du Idiot!
00:20:35: Worauf hast du dich da eingelassen?
00:20:37: Jetzt hängen zwei Leben dran.
00:20:55: Sein mehr als zwei Wochen wartet Gadi, der Schmuggelschef, nun auf die ursprünglich vereinbarten Tausend Zweihundert Dinar.
00:21:03: Dann wurde er erst ungeduldig und später wütend.
00:21:07: Denkt, Christian wolle ihn für dumm verkaufen.
00:21:11: Laut Fargo erhöhte er deshalb auf ´thausendfünfhundert´.
00:21:14: Umgerechnet, zweihundertfünfzig Dollar.
00:21:20: Christian ist doch in Lagos aufgewachsen.
00:21:24: Der Stadt, wo jeder hasstelt.
00:21:26: Da müsste doch street smart sein.
00:21:30: Wie konnte er denn nicht sehen, dass ein Typ in Tripolis einfach mit der Kohle abhaut und sich nie wieder meldet?
00:21:36: Oder wusste er es und ging das Risiko einfach ein?
00:21:41: Und wenn Gadi von Anfang an auf twelvehundert Dinar bestand, wo sind eigentlich die fünfhundert Dinar abgeblieben, die Christian als Anzahlung an Sati gegeben hat?
00:21:52: Oder hat Christian mir das nur erzählt, damit es nach weniger Geld wirkt und ich eher zusage?
00:22:00: Es ist Freitagnachmittag, Viertel vor fünf in der Schweiz.
00:22:04: Das heißt, in Istanbul ist es Viertel vor sechs.
00:22:07: Der Ramadan beginnt in knapp einer Stunde.
00:22:10: Die Schmuggler haben uns das als Deadline gesetzt.
00:22:13: Bis dahin muss das Lösegeld bei Ihnen sein.
00:22:17: Bisher scheitert es an den Hawala-Typen.
00:22:20: Obwohl das Geld seit Stunden verfügbar wäre, hat der Bruder unseres Geldwechselers es noch nicht in Istanbul abgeholt.
00:22:27: Erst wenn er das tut, zahlt der Geldwechseler Fargo in Tripolis aus.
00:22:32: Und der kann dann zu den Schmugglern.
00:22:39: Fargo steht beim Hawala-Banker im Büro.
00:22:42: Und er will wissen, ob das Geld aus der Schweiz kommt.
00:22:46: Ja, sage ich.
00:22:50: Der Geldwechsel macht ihm Probleme.
00:22:52: Der meint, in Istanbul seien die Western Union-Läden bereits geschlossen, weil Freitag sei.
00:23:01: In Libyen läuft an Freitagen tatsächlich nix.
00:23:03: Das wie ein Sonntag auf dem Dorf.
00:23:06: Aber in der Türkei?
00:23:08: Irgendwas stimmt hier nicht.
00:23:20: Istanbul ist so eine riesige Stadt.
00:23:23: Da ist immer irgendein Laden offen.
00:23:25: Und Western Union sowieso.
00:23:27: Ramadan hin oder her.
00:23:30: Ich will das kurz überprüfen.
00:23:31: Schnell.
00:23:32: Auf Google.
00:23:44: Google Maps ist mein Freund.
00:23:46: Und tatsächlich Viele Wechselstuben im Zentrum Istanbul sind noch offen.
00:24:01: Ich erzähle ihm, dass der Shop am Taxim sogar bis zwei Uhr morgens offen ist.
00:24:05: Und dass ich in Auge auf die Transaktion haben werde.
00:24:15: Die wollen nun sie über den Tisch ziehen.
00:24:17: Ich hab's im Gefühl.
00:24:26: Am folgenden Morgen ist das Geld in der Türkei abgeholt worden.
00:24:30: Zehn Minuten, nachdem ich die Bestätigung erhalten habe, steht Fargo schon beim Geldwechseler im Büro in Tripolis.
00:24:38: Wir müssen die Schoße schnell über die Bühne bringen.
00:24:41: Wir haben ja schon die Ramadan-Badeline verpasst.
00:24:43: Vielleicht hat es ja aber keine Konsequenzen, wenn wir jetzt schnell nachziehen.
00:24:48: Fargo schickt mir eine Nachricht.
00:24:53: Alex, Sie haben gesagt, Sie haben nicht die Zeit.
00:24:57: Ich verstehe nicht.
00:24:57: Der Mann hier, der hier in Toki ist.
00:25:00: Die Geldwechseler hätten das Geld noch nicht.
00:25:03: Das kann fast nicht sein.
00:25:05: Bei Western Union gibt man den vollen Namen der Person an, die das Geld abholen soll.
00:25:11: Und das Geld kann nur mit einer ID und der Sicherheitsnummer bezogen werden.
00:25:15: This
00:25:16: guy must have picked it up with his ID and the MTCN number.
00:25:22: So if that is his brother, his brother is telling him
00:25:27: bullshit.
00:25:28: Der Bruder in der Türkei erzählt Scheiße.
00:25:31: Das oder sie wollen uns abziehen.
00:25:53: Sie schicken Fargo weg.
00:25:54: Er soll irgendwann zurückkommen, wenn sie ihn rufen.
00:25:59: Die ganze Sache stinkt zum Himmel.
00:26:01: Fargo und ich steigern uns richtig rein.
00:26:14: Fargo bereut, dass wir es nicht über die Nigerianer und seine Mutter abgewickelt haben.
00:26:19: Das haben wir nun davon.
00:26:23: Fargo ist wütend und will endlich das Geld, auf das wir seit einem Tag warten.
00:26:28: Er will zurück ins Büro des Geldwechsels und einen Streit vom Zaun brechen.
00:26:42: Die Jungs dort haben tonnenweise Geld im Safe liegen und sind wahrscheinlich bewaffnet.
00:26:48: Fargo prüllen in dem Laden?
00:26:50: Keine schlaue Idee.
00:26:52: Außerdem könnten sie die Polizei rufen.
00:26:55: Bei Fargos Status nicht gerade die beste Aussicht.
00:26:58: Sonst muss ich den auch noch freikaufen.
00:27:01: Ich versuche noch, ihn davon abzubringen.
00:27:03: Aber erfolglos.
00:27:13: Wir sitzen einem echten König gegenüber.
00:27:19: In seinem Palast in Oalu, im Südosten Nigeria.
00:27:23: Er macht einen sehr staatsmännischen Eindruck.
00:27:26: Jedenfalls flext er mit den Präsidenten, die er bereits getroffen hat.
00:27:33: Obama?
00:27:33: Nein,
00:27:35: Obama ist ein Senat.
00:28:02: Darauf steht, wie es sich für ein König gehört, ein Thron.
00:28:06: Ein ausladender Stuhl.
00:28:08: Ebenfalls mit rotem Samt.
00:28:10: Das Holz ist mit Schnitzereien und Gold verziert.
00:28:14: Der Stuhl trägt den Namen des Königs.
00:28:17: His Royal Highness Igué Dr.
00:28:19: Douglas O'Quara IV.
00:28:22: Gemessen einem vollen Titel ist er Eure Majestät und Oberster Herrscher des alten Königreiches Umona und Chef des Isuclans.
00:28:31: Er empfängt uns hier, weil ich in den Aufnahmen für meinen Dogfilm einen Satz von Christian gefunden habe, in dem er sein Heimatdorf nennt.
00:28:53: Auf Empfehlung einer nigerianischen Kollegin werden wir direkt beim ESE, dem König des Dorfes, vorstellen und fragen nach Christians Familienname.
00:29:03: Wir hoffen, dass hier noch Verwandte leben, die uns dann die Telefonnummer und oder Adresse von Christians Bruder Chuck Wucca geben können.
00:29:11: Der König weist mir einen Stuhl direkt zu seiner Linken zu.
00:29:14: Und ich präsentiere ihm meinen Anliegen.
00:29:27: Der Ise meint, Chukukas und Christians Nachneime sei sehr geläufig in diesem Bezirk.
00:29:46: Aber er werde sich umhören und hoffentlich die Familie finden.
00:29:50: Es sei nicht das erste Mal, dass einer aus seiner Community sich ins Ausland aufmache, um nach einer besseren Zukunft zu suchen.
00:29:57: Sogar der König meint, Nigeria bietet keine Perspektiven.
00:30:02: Dabei wäre das Land eigentlich reich, vor allem hier im Südosten.
00:30:18: Er spricht von der African Atlantic Gas Pipeline.
00:30:22: Laut Plan sollte sie im Meer von der Küste Westafrikas bis Spanien gehen und Europa mit negränischem Erdgas versorgen.
00:30:29: Eine der europäischen Hoffnungen, russisches Gas zu ersetzen.
00:30:34: Für Nigeria bedeutet das vor allem eins.
00:30:36: Richtig viel Kohle.
00:30:38: Big Money.
00:30:40: Und hier kommen wir zum Problem.
00:30:42: Raffgierige korrupte Politiker sabbern von den Lefzen und schauen, dass möglichst viel in ihre eigenen Taschen fließt und möglichst wenig zur Bevölkerung.
00:30:52: Deswegen fragen sich die Menschen vor Ort.
00:30:54: Wenn das ganze Geld bei uns als Gas und Öl im Boden liegt.
00:30:58: Warum sollen wir nichts davon kriegen?
00:31:01: Wir wollen die Unabhängigkeit.
00:31:03: Aufstand.
00:31:04: Revolution.
00:31:09: Der Unmut führte Ende der Sechziger zum grauenhaften Jaffra-Krieg.
00:31:14: Damals riefen Rebellen die Republik Biafra aus.
00:31:17: Die nigerianische Zentralregierung hielt die Separatisten und Zivilbevölkerung daraufhin mit dem Kampfstoff Napalm in Schach.
00:31:24: Und hungrete sie aus.
00:31:26: Drei Jahre lang.
00:31:30: Heute ist zwar kein Krieg mehr, aber die Separatisten liefern sich immer noch regelmäßige Fächte mit nigerianischen Soldaten.
00:31:39: Oder wie der König es ausdrückt.
00:31:50: Einige Bösewichte, die sich zusammengeschlossen haben und aufhohen, um ein neues Land machen.
00:32:04: Der König hält von der Widerstandsbewegung nicht viel.
00:32:07: Was soll denn das für ein Land sein, wenn du dafür deinen Landsmann tötest?
00:32:13: Gut, er selbst sitzt am anderen Ende des Hebels.
00:32:16: Er profitiert von der Regierung, die ihm den Lohn eines Regierungsbeamten zahlt.
00:32:22: Außerdem können Meinungsführer wie der König noch etwas Geld verdienen, indem sie ihren Untertanen bestimmte Kandidaten empfehlen.
00:32:30: Bei der Parlamentswahl, war jede fünfte Stimme gekauft.
00:32:35: Ob auch unser König sowas macht, wissen wir nicht.
00:32:39: So oder so, Christian gefällt das gar nicht.
00:32:43: Während des Doktdrehs sagt
00:32:52: er,
00:33:01: Sie seien Soldaten, sie erobern.
00:33:04: Er sieht sich zuerst als Biafra, dann erst als Nigerianer.
00:33:09: Ist mein Kumpel Christian vielleicht ein Rebell?
00:33:13: Wie nahe steht er der biafrischen Unabhängigkeitsbewegung?
00:33:17: Abgeneigt ist er ja sicher nicht.
00:33:21: Der König ist auf jeden Fall dem Whiskey nicht abgeneigt, den wir ihm mitgebracht haben.
00:33:27: I think only Whiskey, strictly Whiskey.
00:33:33: Eine Flasche Whiskey als Dankeschön für das Königszeit und Hilfe.
00:33:37: Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft und können einen weiten Weg gehen.
00:33:51: Ich bin mir nicht mehr sicher, ob das Bild von Christian stimmt, das ich in meinem Kopf habe.
00:33:57: Ich habe ein Gerücht über ihn gehört.
00:34:00: Fargo hat es an mich herangetragen.
00:34:02: Und er wiederum hat es in Tripolis von zwei Jungs gehört, die angeblich aus Christians Dorf stammen.
00:34:15: Christian hätte seinen Vater getötet, um die Erbschaft zu beschleunigen.
00:34:19: Fago betont, dass es nur ein Gerücht ist.
00:34:22: Ich frage ihn, ob er wissen, wie Christian den Vater angeblich getötet haben soll.
00:34:31: Ein blutiger Mord mit einer Machete, ausgeführt von einem Widerstandskämpfer, der nicht zum ersten Mal tötet?
00:34:39: Ist das vielleicht der wahre Grund, wieso er von zu Hause weg wollte?
00:34:44: Weil er Angst vor einer Strafe hatte und weniger vor den schlechten wirtschaftlichen Perspektiven?
00:34:49: Wir müssen seinen Bruder finden.
00:34:52: Dann können wir das aufklären.
00:35:05: Alex, kannst du mich hören?
00:35:08: Ja, ich kann dich hören.
00:35:09: Kannst du mich hören?
00:35:10: Der Mann hat mich einfach gezwungen, um zu kommen und mit dem Geld zu sammeln.
00:35:13: Er sagte, er würde mir nur ein paar Hundert Dollar geben.
00:35:16: Der Geldwechseler will Fargo nur dreihundert Dollar geben?
00:35:20: Ich hatte vierhundert überwiesen.
00:35:22: Dreihundert reichen nicht für das Lösegeld und die Fahrt.
00:35:27: Der Hawala Banker in Libyen meint, sein Bruder hätte in Istanbul schon fünfzig Dollar abgezogen.
00:35:33: Er mache das jetzt auch.
00:35:34: Servicegebühren.
00:35:38: Ihr müsst euch das mal vorstellen.
00:35:40: Fargo, ein wütender zwei Metermann mit Oberarmen, auf die jeder Bodybuilder neidesch wäre, muss sich das von einem nonschalanten Geldwechsel anhören, weil er schwarzafrikaner ist und somit in der liebischen Hackordnung ganz unten steht.
00:35:57: Und die dreihundert Dollar bekommt Fargo auch nur, weil er mit einem befreundeten Liebier dort aufgetaucht ist.
00:36:03: Sonst hätten wir gar nichts von dem Geld gesehen.
00:36:17: Fargo weiß auch nicht weiter.
00:36:20: Ihm gelingt es noch, zweihundert Dinar extra auszuhandeln.
00:36:24: Aber da wir unter Zeitdruck stehen, müssen wir wohl oder über mit zwei tausend Dinar auskommen.
00:36:29: Vierhundert Dinar weniger als angenommen.
00:36:33: Zähne knirschen, nehmen wir das Geld entgegen.
00:36:41: Abends bekomme ich noch eine Nachricht.
00:36:44: Wieder einmal von einer unbekannten, liebischen Nummer.
00:36:48: Im Profil ist der Name als Osman angegeben.
00:37:11: Das ist der Bruder von Christians Zellengenosse, dem, der noch als Druckmittel gefangen wird.
00:37:17: Er klingt verzweifelt, er wolle mit mir
00:37:19: sprechen.
00:37:30: Er ist aufgewühlt, denn gerade ist es noch sehr viel gefährlicher geworden.
00:37:34: Schmuggelboske, die wird ungeduldig und will die beiden Geißeln in den Süden verkaufen.
00:37:41: an richtige Menschenhändler.
00:37:43: Keine Armateure, sondern Profis.
00:37:45: Keine kleine Schmuggler-Truppe, sondern organisierte Milizen.
00:37:50: Satisten, die ihr Geld durch Folter und Erpressung verdienen.
00:38:04: Wir müssen eine Lösung finden.
00:38:07: Und zwar schnell.
00:38:09: Weil, wenn wir es nicht tun, Sind Christian und sein Kollege so gut wie tot?
00:38:21: Das nächste Mal bei ... Wir kommen Christian näher.
00:38:33: Wir machen einen Deal.
00:38:36: Wir werden gesegnet.
00:38:37: Wir lesen Jesus nicht.
00:38:42: Wir lesen Jesus
00:38:47: nicht.
00:38:52: Dachten wir.
00:38:59: Zweihundertfünfzig Dollar.
00:39:01: Wie ich einen Menschen freikaufe.
00:39:06: Episoden vier und fünf am nächsten Freitag auf NZZ.ch.
00:39:11: Und dort, wo ihr immer Podcast hört.
00:39:15: Habt ihr Fragen, Anregungen, Feedback?
00:39:18: Schreibt mir unter zweihundertfünfzigdollaratNZZ.ch.
00:39:21: Zwei Fünf Null Dollar at NZZ.ch.
00:39:25: Zwei Hundertfünfzig Dollar ist ein Podcast der NZZ der neuen Zürcher Zeitung und der Bruststiftung.
00:39:33: Recherchiert, geschrieben und erzählt von mir, Alex Spörnge.
00:39:37: Redaktion Dominic Schottner.
00:39:40: Die Regie machen wir beide gemeinsam.
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