250 Dollar: Gefangen (1/5) - Die komplette neue NZZ-Serie hier zum Nachhören
Shownotes
Christian hat in seiner Heimat Nigeria keine Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Er will übers Mittelmeer nach Europa fliehen. Doch unterwegs gerät er in ein brutales System aus Schmuggel, Gewalt und Erpressung. Sein Weg endet zunächst in einem improvisierten Gefängnis in Tripolis, wo er auf seine Freilassung wartet – und Alex um Hilfe bittet. Denn frei kommt Christian nur, wenn jemand für ihn ein Lösegeld zahlt.
Dass Christian überhaupt in diese Lage gekommen ist, hat auch damit zu tun, dass er sich mit einem Credit-System schleusen lassen wollte. Wie das funktioniert und warum es Migranten so verwundbar macht, erfährst du in dieser Episode.
Host: Alex Spoerndli, NZZ-Reporter und Dokumentarfilmer
In der NZZ hat Alex auch die Geschichte von Rodrick aus Nigeria aufgeschrieben. Er will seine Heimat nicht verlassen und einen anderen Weg gehen als Christian. Diese Geschichte und den gesamten digitalen Content der NZZ kannst du dir mit einem Probeabo anschauen.
Dieser Podcast ist mit der Unterstützung der Brost-Stiftung realisiert worden.
Redaktion und Regie: Dominik Schottner. Produktion und Story Editing: Sven Preger und Sarah Ziegler. Audio-Post und Sounddesign: Florian Steinbach, Ediz Kiracar und Yvan Brunner von Brauereisound in Zürich. Musikkomposition: Louis Edlinger Fotos: Vincent Haiges Grafik: Olivia Blum.
Dank an: Mayan Msaed, Karin Wenger, Stella Männer, Julian Busch, Tobias Schreiner, Collin Mayfield und Jagoda Grondecka. Ausserdem: Riad Ayoube, Eden Bonibo und Killian Pfeffer.
Transkript anzeigen
00:00:02:
00:00:08: Der Mann, der mich gegenüber sitzt, liebt meinen Bekannten, meinen Kumpel, meinen Freund?
00:00:17: Schwierig zu sagen.
00:00:23: Er kennt meinen Bekannten Christian aus der Kindheit, erzählt, wie er ihn an der Hand geführt hat.
00:00:30: Anywhere you see him, anywhere you see me, you see him.
00:00:39: He used to follow me.
00:00:40: Überall seien sie zusammen hingegangen.
00:00:44: Anywhere I am going.
00:00:46: If I want to go out to see friends, he will follow me.
00:00:50: Anywhere.
00:00:50: He used to follow me up and down.
00:00:54: Überall sei ihm gefolgt.
00:00:57: Zu Freunden, raus, vor, zurück, hoch, runter.
00:01:03: Aber als mein Kumpel älter geworden ist, habe er irgendwann aufgehört, den Mann zu folgen.
00:01:09: Mein Freund ging nun alleine hoch und runter.
00:01:12: Alleine hoch und vor allem alleine runter.
00:01:17: Denn seit Christian dem Mann nicht mehr folgte, ging es hauptsächlich bergab.
00:01:22: So weit bergab, dass Christian nun darauf wartet, dass ich ihn kaufe.
00:01:28: Dass ich den Preis bezahle, den ein Menschenhändler für sein Leben festgesetzt hat.
00:01:34: Dass ich Lösegeld bezahle.
00:01:47: Ich erzähle euch die Geschichte von Christian, der meine Hilfe braucht und wie ich versuche ihn zu retten.
00:01:55: Sie gibt uns einen Einblick in ein dunkles Business, das einem Menschen ein Preisschild aufdrückt.
00:02:02: Eins, das mit Hoffnungen lockt, Und von der Pressung lebt.
00:02:16: Menschenhandel.
00:02:27: Ein Business, das einsperrt, foltert, tötet.
00:02:42: In dem die Toten es nicht einmal wert sind, beerdigt zu werden.
00:02:51: Ich bin Alex Spörngl, Journalisten, Dokumentarfilmer.
00:02:55: Und das ist ... Episode eins gefangen.
00:03:14: Hey Boss, die Nachricht kommt von Christian.
00:03:19: Also eigentlich heißt Christian anders, aber um ihn zu schützen heißt er hier Christian.
00:03:25: Und eigentlich schreibt er auf Englisch.
00:03:27: Das haben wir aber übersetzt.
00:03:30: Und ich bin nicht sein Boss, er nennt mich bloß so.
00:03:33: Christian ist ein Kumpel von mir.
00:03:37: Im Februar dieses Jahres, zwanzig fünf und zwanzig, schreibt er mir aus der südliebischen Wüstenstadt Sabha.
00:03:44: Dort sitzt er seit einigen Wochen fest.
00:03:47: Christian kommt aus Nigeria.
00:03:50: Er will sich ein besseres Leben aufbauen.
00:03:52: Deshalb will er mit einem Boot das Mittelmeer überqueren.
00:03:56: Nach Italien, nach Europa.
00:04:00: Dafür muss er zuerst von Nigeria nach Norden.
00:04:03: Sein nächster Zwischenstopp ist die libische Hauptstadt Tripolis.
00:04:14: Christian schreibt, ich habe einen Libia getroffen.
00:04:17: Er hilft mir, nach Tripolis zu kommen.
00:04:20: Mit einem Libia Meint er einen Schmuggler?
00:04:24: Den braucht er.
00:04:25: Denn Christian ist ohne Wiesen unterwegs.
00:04:28: Der Schmuggler soll ihn auf einem Pick-up quer durchs Land an die Mittelmeerküste fahren.
00:04:34: Dort, wo die Boote nach Italien ablegen.
00:04:44: Christian will nach Europa, weil bei ihm zu Hause alles knapp ist.
00:04:47: Essen, Geld, Benzin, fähige Politiker.
00:04:51: Schwierig zu sagen, ob in Nigeria die Inflation oder die Korruption größer ist.
00:04:56: Aber Großes beides.
00:04:58: Nicht mal die Sicherheit in seinem Land sei gewährleistet.
00:05:08: Christian ist Mitte zwanzig.
00:05:10: Wie viele andere in diesem Alter auch, will er sich profilieren, ausprobieren, sehen, wo das Leben hinführt und wie er seine Zukunft gestalten will.
00:05:19: Kann ich nachvollziehen.
00:05:21: Er ist nur etwas jünger als ich.
00:05:23: Und auch ich habe in ähnlichem Alter mein Leben auf den Kopf gestellt, die Zelte in meiner Heimat abgebrochen.
00:05:29: In seinem Alter bin ich in den Nahen Ost gezogen, um Ausland schon alles zu werden.
00:05:41: Christian
00:05:44: sagt, er sehe keine Zukunft für sich in Nigeria.
00:05:47: Die Korruption dort ruiniere das Land.
00:05:50: Bei ihm Dorf kommt sogar Straßen, Laternen, sogar der Strom aus Initiativen von Privatpersonen.
00:05:56: Nicht vom Staat.
00:06:06: Wenn er seine Familie in der Armut sehe, kämen ihm die Tränen.
00:06:11: Er sei los, um den Leuten, die ihm nahestehen, etwas Gutes zu
00:06:14: tun.
00:06:15: Damit
00:06:16: meinte er, arbeiten, Geld nach Hause schicken.
00:06:26: Seine ganzen Hoffnungen legte er in diese Reise.
00:06:29: Er will seiner Familie helfen.
00:06:38: So habe ich Christian kennengelernt.
00:06:40: Als einen, der sich aufopfert, der sich für sich und seine Menschen einsetzt.
00:06:46: Und auch als Optimisten.
00:06:47: Als einen, der sich nicht unterkriegen lässt.
00:06:50: Auf seinem Gesicht ist praktisch immer ein breites Grinsen.
00:06:53: Oder mindestens ein verschmitztes Lächeln.
00:06:56: Er ist einer, der das Leben mit einer gewissen Prise Humor nimmt.
00:07:00: Und ein straighter Typ.
00:07:02: Er sagt, wie es ist.
00:07:03: Und wenn ihm was nicht passt, ändert er es.
00:07:06: Ein Macher.
00:07:16: mache hauptsächlich Dokumentarfilme.
00:07:19: Und als Christian mir schreibt, mache ich gerade einen für die NZZ.
00:07:23: Über eine der zentralen Migrationsrouten auf diesem Planeten, quer durch die Sahara.
00:07:29: Jedes Jahr nehmen Zehntausende Migranten diese schwierige Reise auf sich.
00:07:33: Aber Tausende erreichen nicht mal das Mittelmeer, weil die Wüstenschrecke so gefährlich ist.
00:07:40: Die Eben ist dabei der letzte Stopp vor Europa und auch der gefährlichste.
00:07:44: Das hat mit dem politischen Diskurs in Europa auch zu tun, aber dazu später mehr.
00:07:50: Von dieser Recherche kenne ich Christian.
00:07:52: Er ist eine der Hauptfiguren, ein Protagonist.
00:07:56: Mein Film begleitet ihn auf dem Weg aus Nigeria nach Libyen.
00:08:00: Den Link zum Film findet ihr übrigens in den Show notes.
00:08:11: Im September, zwanzigvierundzwanzig verlässt Christian seine Heimatstadt Lagos.
00:08:15: Mit knapp fünfzehn Millionen Einwohnern die Größe statt Nigeria's.
00:08:19: Von dort aus ist es ein konstantes Stop-and-Go.
00:08:23: Mit Bussen in den Norden des Landes, über die Grenze.
00:08:30: Rumhocken im Nachbarland Niger, in Agades, Schmuggelhauptstadt.
00:08:35: Sammelbecken für Migranten aus ganz Westafrika.
00:08:38: Warten auf eine Schmuggelverbindung.
00:08:44: Dann weiter nach Norden durch die Wüste, hinten auf einem Pick-up, mit twenty-fünf anderen Menschen.
00:08:55: Tage lang in kleinen Oasen rum sitzen.
00:08:58: Auf einen Armeekonvoi warten.
00:09:00: Zum Schutz vor Banditen.
00:09:05: Waren bei Tag und Nacht halsbrecherisches Tempo.
00:09:08: Wasser füllen.
00:09:10: Weiter über Dünen und Bergpässe.
00:09:13: Sich verstecken, warten, bis die Armeepatrouille vorbei ist.
00:09:17: Checkpoints umfahren.
00:09:22: Durch ein Minenfeld.
00:09:23: Die Grenze umgesehen überqueren.
00:09:26: Nach Libyen.
00:09:27: nach Sabha.
00:09:29: Und genau hier und jetzt, in Sabha, der ersten größeren Stadt in Libyen, ist mein Film über Christian zu Ende.
00:09:37: Und das wäre normalerweise auch die professionelle Beziehung als Journalist zu ihm.
00:09:45: Aber Christian ist mir sympathisch.
00:09:48: Passiert manchmal.
00:09:50: Und das, obwohl ich ihn gar nie persönlich getroffen habe.
00:09:54: Denn die Wüstenreise hat ein Kollege von mir gefilmt, der in der Gegend lebt.
00:09:58: Ich kenne Christian eigentlich nur vom Bildschirm.
00:10:02: Aber dafür ziemlich intensiv.
00:10:04: Ich habe Regie geführt und deshalb Christian Monate lang, Tag ein, Tag aus, zugeschaut und zugehört.
00:10:11: Deshalb will ich wissen, wie geht es mit ihm weiter?
00:10:14: Christian und ich bleiben also in Kontakt.
00:10:17: Wir schreiben, telefonieren, geben uns Updates.
00:10:21: Eines weiß ich aber nicht.
00:10:22: Welches Label soll ich ihm anhängen?
00:10:25: Protagonist?
00:10:27: Quelle?
00:10:28: Bekannter?
00:10:29: Kumpel?
00:10:30: Freund?
00:10:32: Keine Ahnung.
00:10:36: Ich druckse hier ein bisschen rum.
00:10:38: Es fühlt sich etwas weird an, fast so, als tätig was unerlaubtes.
00:10:44: Dabei ist mir Christian einfach nur sehr vertraut geworden, über den Bildschirm sozusagen.
00:11:03: Ich möchte nicht nur nehmen, sondern auch zurückgeben.
00:11:06: Ich weiß, das klingt so pseudo altruistisch und nach NGO in Afrika.
00:11:11: Aber es ist etwas, dessen wir uns bewusst sein müssen.
00:11:14: Wir arbeiten im Journalismus nahe und viel mit den Gefühlen unserer Protagonisten.
00:11:20: Das kann schnell einseitig wirken.
00:11:22: Vor allem, wenn ich mich nachher einfach nicht mehr melde.
00:11:26: Außerdem verdiene ich mein Geld mit diesen Filmen.
00:11:29: Während meine Protagonisten selten irgendwas davon haben.
00:11:33: Bezahlt werden sie nicht.
00:11:35: Dürfen wir gar nicht.
00:11:37: Deshalb, finde ich, kleine Aufmerksamkeiten sind eine Frage der Höflichkeit.
00:11:43: Ein Beispiel.
00:11:44: Christian erzählt mir von seinem Bruder, um wie sehr er ihn vermisst.
00:11:48: Nachdem Christian plötzlich aus Lagos wegging, hat er sich nicht mehr bei ihm gemeldet, weil ihm sein Handy gestohlen und damit alle Kontakte abhandengekommen sind.
00:11:57: Und hier kann ich was tun.
00:11:59: Ich treibe ihm die Nummer des Priesters der Kirche seines Bruders auf.
00:12:05: Er kann vielleicht Christians-Telefonnummer, an dessen Bruder weitergeben, damit die beiden wieder in Kontakt kommen.
00:12:11: Solche Sachen.
00:12:22: Ich erinnere ihn an seinen Bruder, meinte er.
00:12:25: Wegen meiner Neugier, wie es ihm geht.
00:12:27: Weide ich mich um ihn kümmerer.
00:12:29: Erschätze das sehr.
00:12:36: Für einen Moment weiß ich nicht, was ich sagen soll.
00:12:40: Sich das so offen zu sagen, ist in vielen Männerfreundschaften keine Selbstverständlichkeit.
00:12:46: Seine Offenheit berührt mich total.
00:12:53: Meine ich wirklich.
00:12:55: Wenn du was brauchst, ruf mich an.
00:12:57: Ich bin für dich da.
00:13:03: Zurück nach Sabha, Libyen.
00:13:05: Christian kommt hier im Oktober, April, April, April, April, April an.
00:13:08: Ein Monat, nachdem er aufgebrochen ist.
00:13:11: Er schlägt sich als Tagelöhner durch, mauert, verputzt, legt Fliesen.
00:13:16: Pro Tag verdient er damit ungefähr fünf Dollar.
00:13:19: Um Geld zu sparen, schläft er auf den Baustellen.
00:13:22: Denn je schneller er die nächste Etappe nach Tripolis antreten kann, desto besser für ihn.
00:13:26: Und jetzt, vier Monate später, Mitte Februar, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April.
00:13:34: Christian lässt sich an die Mittelmeerküste schmuggeln.
00:13:38: Er schreibt, er mache sich jetzt auf den Weg.
00:13:41: Ich schreibe ihm zurück, bleibt gesund, gute Reise und viel Glück.
00:13:51: Die kommenden Tage höre ich nichts von ihm.
00:13:55: Einen Tag, zwei Tage, drei Tage, vier Tage, fünf Tage.
00:14:03: Selbst wenn Schmuggler Checkpoints von Milizen, Armee, Polizei umfahren müssen.
00:14:08: oder eine Panne haben oder überfallen werden.
00:14:11: Es sind bloß achthundert Kilometer von Sabha nach Tripolis.
00:14:15: Das dürfte auch mit kleineren Komplikationen höchstens zwei, drei Tage dauern.
00:14:22: Ich fange an, mir Sorgen um meinen Freund zu machen.
00:14:27: Irgendwas muss passiert sein.
00:14:30: Irgendwas.
00:14:32: Als könnte man das, was passieren könnte, auf zwei, drei Möglichkeiten einschränken.
00:14:37: Es gibt in Libyen tausend Sachen, die schiefgehen können.
00:14:43: Das macht die Fahrt selbst.
00:14:45: In Libyen wohnen bloß sieben Millionen Menschen.
00:14:48: Es ist aber fünfmal so groß wie Deutschland.
00:14:51: Und weil es zu eighty-fünf Prozent aus Wüste besteht, sieht man oft tagelang keine Menschen Seele.
00:14:57: Wer sollte da schon helfen, wenn der in der Wüste die Karre kaputt geht?
00:15:01: Dafür sind die Chancen relativ hoch, elendig zwischen den Dünen zu verdursten.
00:15:05: Dann die Schmuggelaktion.
00:15:08: Kann man Schmugglern jemals hundert Prozent vertrauen.
00:15:11: Die Arbeit entschliesst sich in der Illegalität.
00:15:14: Klar, es gibt bessere und schlechter wir Schmuggler, aber im Großen Ganzen wäre ich skeptisch, was ihre Vertrauenswürdigkeit angeht.
00:15:22: Und wenn Christian von seinen Schmugglern verarscht wird, kann er sich ja schlecht an die liebische Polizei wenden.
00:15:27: Er ist ja selbst illegal dort.
00:15:29: Die würden ihn sofort verhaften und wegsperren.
00:15:32: Außerdem spricht er auch kein Arabisch.
00:15:35: Gut möglich, dass sie ihn an irgendeinem Checkpoint festhalten.
00:15:41: Und als ob das nicht schon reichen würde, ist Libin auch politisch total instabil.
00:15:46: Es gibt zwei konkurrierende Regierungen, bestehend aus Dutzenden mehr oder weniger legitimen Milizen, die sich bekriegen.
00:15:55: Bärtige Männer in zusammengeklaubten Uniformteilen, die lässig eine abgegriffene Kalaschnikoffe in der Hand halten.
00:16:02: Sie stehen gelangweil dann ihren improvisierten Checkpoints, die sie mit einem abgefagten Pickup sichern.
00:16:07: Auf der Ladefläche ist meist ein schweres Maschinengewehr oder eine Flugabwehrkonune montiert.
00:16:14: In dieser Gesetzlosigkeit hat sich Runden die Stadt Sabha eine Form von modernem Sklavenhandel entwickelt.
00:16:20: Die Sicherheitskräfte, also die Milizen, handeln hier mit Menschen.
00:16:26: Sie fangen, kaufen und verkaufen Migrantinnen und Migranten.
00:16:30: Und Christian ist mittendrin.
00:16:35: Plus zwei Einsacht, eine liebische Nummer.
00:16:37: Ich habe damals die Anrufe noch nicht aufgezeichnet.
00:16:40: Deshalb schildere ich hier das Telefonat aus dem Gedächtnis.
00:16:44: Hallo, Christian?
00:16:45: Alex?
00:16:46: Boah, zum Glück gehst du ran.
00:16:49: Zum Glück ruft er an.
00:16:50: Ich hatte ihn schon beinahe abgeschrieben.
00:16:52: Fünf Tage ist es her, seit er subhalos ist.
00:16:55: Wie geht's dir?
00:16:56: Bist du in Tripolis?
00:16:57: Ja,
00:16:58: alles okay.
00:16:59: Das sagte immer.
00:17:00: Auch wenn er in der größten Scheiße steckt.
00:17:03: Alles okay.
00:17:04: Weißt du was?
00:17:06: Ich habe dieser Vater
00:17:06: auf dem Credit gemacht.
00:17:08: Und drum habe ich gerade ein kleines Problem.
00:17:11: Meinst du etwa?
00:17:13: Ja.
00:17:14: Und ich weiß, wie ich so denke.
00:17:16: Fuck, Alter.
00:17:18: Dass ich hier so fluche, hat mit diesem Credit zu tun, von dem Christian spricht.
00:17:22: Was daran so heikel ist, habe ich in Agades gelernt.
00:17:26: Der Schmuggelhauptstadt von Niger.
00:17:28: Dort, wo sich alle sammeln, die die Wüste nach Norden durchqueren
00:17:30: wollen.
00:17:32: Das ist Sadio Jalo.
00:17:38: Das ist Sadio Jalo.
00:17:39: Wir haben ihn beim Dreh des Dokumentarfilms getroffen, im Oktober,
00:17:52: zwanzigvierundzwanzig.
00:17:55: Er ist Menschenschmuggler und gleichzeitig Vertreter der Migranten-Community in Agades.
00:18:02: Er ist groß, kräftig, grüne Kargohosen, weiß es tankt ob.
00:18:06: Die Schmugglerklufft stimmt.
00:18:09: Ziemlicher Kontrast zu seinem weichen Gesicht.
00:18:11: und seinem noch weicheren Französisch.
00:18:17: Satio setzt sich für die Migranten ein, die durch die Stadt
00:18:19: kommen.
00:18:21: Sein guter Ruf und Einsatz haben ihm das Vertrauen der Migranten-Community gebracht.
00:18:25: Er sagt, er sei einer der guten Schmuggler.
00:18:38: Er zeigt das Bild eines Toten auf seinem Handy.
00:18:41: Aufgebaut in der Leichenhalle.
00:18:49: Und beim Begräbnis.
00:18:51: Dabei erzählt er, wie der Mann gestorben ist.
00:19:07: Der Migrant hatte eine Fahrt bis nach Tripolis gebucht und komplett im Voraus bezahlt.
00:19:13: Da so eine Fahrt über mehrere Schmuggler-Netzwerke läuft, hätte der bezahlte Schmuggler einen Teil des Geldes seinen Kollegen in Libyen geben müssen.
00:19:21: Darauf hatte er anscheinend keine Lust.
00:19:24: Deshalb verkleckerte er dem liebischen Schmuggler, der Migrant, wieder bei Ankunft zahlen.
00:19:32: Der Mann, der ja bereits bezahlt hat, steht natürlich mit leeren Taschen da, woraufhin der Schmuggler ihn einsperrt, bis die Schulden bezahlt sind.
00:19:46: Neun
00:19:47: Monate lang misshandeln die Schmuggler ihnen, bis sein Gesundheitszustand so schlecht war, dass sie befürchten müssen, dass er jeden Moment stirbt.
00:19:56: Da setzen sie ihnen ein Auto zurück nach Agades.
00:19:59: Also dort wieder ankommt, stirbt er noch am Busbahnhof.
00:20:09: Solche Geschichten machen natürlich die Runde und schwächen das Vertrauen in die Schmuggler.
00:20:14: Migranten können aber auch nicht einfach das gesamte Geld mitnehmen und am Ende der Reise zahlen.
00:20:18: Das Risiko, ausgeraubt zu werden, ist viel zu hoch.
00:20:22: Als Alternative hat sich das sogenannte Credit System etabliert.
00:20:26: Und das funktioniert so.
00:20:28: Dabei zahlt man, dreißig bis fünffünfzig Prozent im Voraus an den Schmuggler am Abfahrtsort.
00:20:34: Den Rest dann am Ziel, Beiankunft.
00:20:37: Damit man das Geld nicht physisch dabei haben muss, schickt man es vor der Reise an eine Vertrauensperson am Ziel.
00:20:43: Beispielsweise einen Cousin oder Freund.
00:20:47: Klingt gut, hat aber auch ein Haken.
00:20:54: Manchmal kommt es vor, dass die Vertrauensperson dann trotzdem nicht bezahlen kann.
00:20:58: Das Geld ist weg.
00:21:02: Verprasst, verloren, bestohlen, egal.
00:21:10: Und hier kommt die Crux des Crabsystems.
00:21:12: Ab jetzt gehört der Migrant, dem Schmuggler.
00:21:15: Und er gehört ihm so lange, bis ihn ihm jemand abkauft.
00:21:19: Die Familie, Freunde, wer auch immer.
00:21:23: Aus Menschenschmuggel wird Menschenhandel.
00:21:29: Zurück nach Libyen.
00:21:30: Christian meldet sich nach fünf Tagen Funkstelle bei mir und erzählt, dass er mit Credit nach Tripolis gereist ist.
00:21:37: Hier geht es weiter in dem rekonstruierten Gespräch.
00:21:51: Scheiße, wo bist du gerade?
00:21:53: Sie hatten nicht hier fest, bis ich... Siebenhundert Dinar, das entspricht ca.
00:21:57: Hundertzwanzig US-Dollar.
00:22:00: Nicht wenig für Christian und für seinen Kumpel, offensichtlich mehr wert als ihre Freundschaft.
00:22:07: Ich wollte nur, dass du es weißt.
00:22:09: Ich schaue euch das Geld her, Quig.
00:22:10: Und vielleicht erreiche ich das gern mal noch.
00:22:13: Lass mich wissen, wenn ich dir helfen kann.
00:22:15: Ich kann ihn auch anrufen und etwas Druck machen.
00:22:18: Der kennt meine Nummer nicht.
00:22:19: Vielleicht geht er hier ran.
00:22:22: Ich sage ihm, er soll die Ohren steif halten.
00:22:24: Dann legen wir auf.
00:22:27: Kurz darauf schickt er mir eine Nummer, bei der ich anrufen soll.
00:22:30: Das wird wohl der Scammer sein, also machen wir da mal etwas Druck.
00:22:35: Ich werde für ihr mal weggedrückt, doch dann... Aber
00:22:38: gut, ich habe noch eine Voice Note.
00:22:40: Dann halt eine Voice Note.
00:22:43: Ich stelle mich vor.
00:22:44: Ich sage ihm, dass Christian auf ihn warte.
00:22:49: Er hat mich anrufen
00:22:57: lassen.
00:22:58: Der Typ meint, ja, Christian hätte ihn angerufen und um Hilfe gebeten.
00:23:03: Okay, aber wo ist dann das Problem?
00:23:05: Warum geht er dann nicht hin?
00:23:13: Er wisse doch, dass Schmuggler nicht gerade zimperlich sind.
00:23:17: Christian wäre sicher dankbar, wenn er ihm den Gefallen tun könne und mit dem Geld vorbeigehe.
00:23:22: Freund, the Tatman us.
00:23:34: Er sagt, er hätte die Kohle nicht mehr.
00:23:37: Mhm.
00:23:38: Aber wo sind dann die Siebenhundert, die nah hin, die Christian ihm geschickt hat?
00:23:43: Okay, but then money he wired to you.
00:23:46: The money he transferred to you.
00:23:58: Das sei gar nicht er gewesen.
00:24:00: Christian hätte ihn bloß heute um Hilfe gebeten.
00:24:03: Ich realisiere, dass nur ein Kumpel von Christian, nicht der Typ, der ihn über den Tisch gezogen hat.
00:24:19: Immerhin.
00:24:20: Er sagte, arbeite heute Nacht und fahre morgen nach Tripolis.
00:24:23: Dann kann er ja vielleicht doch helfen.
00:24:25: Ich bedanke mich bei ihm und wechsel zum Chat mit Christian.
00:24:32: Ich schicke Christian eine Voice Note und fasse er für ihn zusammen.
00:24:36: Ich frage ihn noch, wie geht's dir dort?
00:24:38: Denn ich denke nicht, dass vor dem nächsten Morgen irgendwas passieren wird.
00:24:47: Es dauert Stunden, bis ich eine Antwort kriege.
00:24:50: War zu erwarten.
00:24:51: Handys werden häufig von den Schmugglern eingezogen, damit sie die Kontrolle über die Kommunikation behalten.
00:24:57: Und damit niemand die Polizei ruft.
00:25:00: Sie werden nur ausgehandigt, wenn Lösegelder aufgetrieben werden müssen.
00:25:05: Gegen Abend bekommt Christian offensichtlich wieder ein Handy.
00:25:21: Christian hofft, dass Gamer und Geld noch auftauchen.
00:25:24: Ich bin vor allem froh, dass er trotz allem noch so positiv ist.
00:25:29: Am nächsten Morgen schick mir Christian nur ein einziges Wort.
00:25:33: Dafür mit einem Punkt dahinter.
00:25:37: Problem.
00:25:40: Ich schreibe zurück.
00:25:41: Was ist los?
00:25:46: Christian schreibt, der Scammer hätte nun sogar sein Telefon ausgeschaltet.
00:25:51: Er schickt den Emoji der Weint, der bei dem wahre Wasserfalle aus den Augen fließen.
00:25:57: Gestern sei der Scammer bloß nicht rangegangen.
00:25:59: Heute scheint die Nummer nicht mehr durchzuwählen.
00:26:03: Christian gibt mir die Nummer.
00:26:04: Ich kontrolliere sie.
00:26:06: Sie ist nicht auf WhatsApp registriert.
00:26:10: Wie erreichst du ihn normalerweise?
00:26:16: Und ab da höre ich wieder nichts mehr von Christian.
00:26:24: An diesem Punkt habe ich die Vermutung, dass er mich wahrscheinlich um Geld bitten wird.
00:26:31: Was tue ich, wenn er mich nach Geld fragt?
00:26:34: Darf ich ihm welches geben?
00:26:36: Als er mein Protagonist Und als Journalist darf ich die Geschichte ja nicht steuern.
00:26:43: Andererseits, der Film ist ja praktisch fertig, die Story abgeschlossen.
00:26:49: Dass er eingesperrt wurde, beeinflusst die Geschichte ja nicht mehr.
00:26:55: Und dann, nach drei Tagen Funkstille, meldet sich Christian wieder.
00:27:04: Er braucht Hilfe.
00:27:07: Er braucht Geld.
00:27:12: Er kriegt nichts
00:27:24: zu essen.
00:27:32: Er klingt ehrlich verzweifelt.
00:27:35: Ich sei die einzige Person, die ihm jetzt helfen könne.
00:27:41: Let me see how I can do this.
00:27:47: Lass mich schauen, wie ich's mach.
00:27:54: Ich kaufe einen Menschen frei, den ich eigentlich kaum kenne.
00:27:59: Warum?
00:27:59: Das weiß ich auch Monate danach noch nicht.
00:28:04: Aber ich möchte es wissen.
00:28:06: Und ich möchte auch Christian besser kennenlernen.
00:28:11: Also bruche ich ein Flugticket.
00:28:14: Nach Lagos.
00:28:19: Das nächste Mal bei ... ... zweihundertfünfzig
00:28:28: Dollar.
00:28:30: Die Schmuggler melden sich direkt bei mir.
00:28:33: und
00:28:40: machen mich erstmal zur Schnecke.
00:28:47: Plötzlich geht es um Leben oder Tod.
00:28:50: Aber ich mache Fehler.
00:29:02: Habt ihr Fragen, Anregungen, Feedback?
00:29:05: Schreibt mir unter Die Regie.
00:29:27: machen wir beide gemeinsam.
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