Wie die Zalando-Mentalität die Demokratie bedrängt

Shownotes

Politik wirkt in unserer durch digitalisierte Prozesse beschleunigten Zeit oft wie getrieben. Wenn Erwartungen schneller geweckt werden, als sie die Demokratie erfüllen kann, entsteht Frustration. Der Soziologe Matthias Quent erläutert im Gespräch mit David Vogel, wie diese ständige Eile populistische Kräften in die Hände spielt und etablierte Parteien schwächt, warum radikale Versprechen scheitern und was der Einzelne tun kann, um im Alltag wieder das Gefühl von Selbstwirksamkeit zu erlangen.

Gast: Matthias Quent, Professor Soziologie Ernst-Abbe-Hochschule Jena Host: David Vogel Redaktion: Marlen Oehler

Matthias Quents Buch «Keine Macht der Ohnmacht» findet Ihr hier.

Du hast schon ein NZZ-Abo und willst NZZ Pro zusätzlich bekommen. Das Angebot dafür findest du hier.

Du hast noch kein NZZ-Abo und willst Premium-Abonnent werden? Dann hier entlang.

Fragen? Feedback? Das NZZ Geopolitik-Team erreichst du unter geopolitik@nzz.ch.

Transkript anzeigen

00:00:01: Erhält

00:00:01: US-Präsident Donald Trump bei den Midterms die Quittung für seinen disruptiven Kurs?

00:00:07: Wird er die

00:00:07: Ergebnisse

00:00:08: der Zwischenwahlen

00:00:08: überhaupt

00:00:09: akzeptieren?

00:00:10: Das besprechen wir am vierten November

00:00:12: im Kaufleuten Zürich in einer

00:00:14: Liveaufzeichnung unseres Podcasts NZZ

00:00:17: Geopolitik.

00:00:20: Unsere Gäste sind die Amerikanistin Claudia

00:00:22: Franziska

00:00:22: Brüweiler

00:00:23: und der Schriftsteller

00:00:25: Jonas Lüscher

00:00:27: Die US-Mitterms

00:00:28: am vierten November live

00:00:29: bei NZZ Geopolitik in Kaufleuten Zürich.

00:00:33: Tickets

00:00:34: gibt's unter NZZ.ch slash live.

00:00:38: Dieser Podcast wird Ihnen präsentiert von True Wealth, der Säule IIIa App mit null Prozent Verwaltungsgebühr.

00:00:56: Diese Abend ist eigentlich gar nicht so lange her!

00:01:02: Wahlabend.

00:01:02: Deinundhalb Jahre.

00:01:04: Im Drei-Zwanzigsten Februar, Zweitausendfünfundzwanzig.

00:01:07: Wir die CDU und die CSU – Die Union!

00:01:10: Wir

00:01:10: haben diese Bundestagswahl zweitausendsfünfundzwanzzig gewonnen.

00:01:16: Vor einem Jahr war Friedrich Merz noch ein Hoffnungsträger der wieder Ruhe in den Nationen bringen sollte nachdem die Ampelkoalition eigentlich nur noch gestritten hatte.

00:01:28: Und wie habe ich das in den letzten Tagen gesagt?

00:01:30: Jetzt darf auch mal Rambo Zambo im Adnan!

00:01:37: Eineinhalb Jahre später tünnt das so über März.

00:01:49: Teile der Jugend, wie hier die Rapperin Vita rechnen wütend mit Friedrich Merz ab.

00:01:56: Er gilt aus der unpopulärste Kanzler aller Zeiten.

00:02:01: einige hassen ihn geradezu.

00:02:10: März mache gute Arbeit, vor einem Jahr waren es noch knapp dreißig Prozent gewesen.

00:02:19: Matthias Quent, ich muss Ihnen ehrlich sagen wenn ich aus der Schweiz auf Deutschland blicke dann bin ich nicht erstaunt dass ein Politiker kritisiert wird.

00:02:26: auch der harsche Ton das kommt auch hier vor.

00:02:29: aber dieses Tempo dieses mörderische Tempo ist doch erstaunlich.

00:02:34: was sagt das über die Erwartungshaltung an die Politik aus?

00:02:41: In der Beziehung, in der Kommunikation zwischen Wählerinnen und Wählern und Politikern hat sich eine sehr ungesunde eigentlich selbstzerstörerische Erwartungsdynamik aufgebaut.

00:02:53: Wir wissen aus der Protestforschung seit vielen Jahrzehnten das Enttäuschen von Erwartungen.

00:02:59: Der Hauptgrund ist dass es ja zu Unruhen sogar zur Revolution gekommen hat, was damit zu tun wie sich unsere politische Kultur, wie wir ungeduldiger geworden sind.

00:03:10: Wie sich unsere ganze Zeit soziologisch beschleunigt hat.

00:03:13: es hat aber ehrlicherweise auch etwas damit zu tun wie Erwartungen geweckt werden und welche Erwartung gewählt werden.

00:03:18: Friedrich Merz die Union hat im Wahlkampf gegen die Ampel Regierung ja wirklich viele viele erwartungen geweckt von der Halbierung der AfD über, man muss keine Schulden machen.

00:03:31: Das heißt also diese Beschleunigung und dieses selbstzerstörerische Erwartungsmanagement hat er ein Stück weit auch selber hervorgerufen mit einem Wahlkampf der Erwartungen geweckt hat, von denen eigentlich damals schon viele Kopfschütteln gesagt haben ja es wäre ja schön aber ist das völlig

00:03:47: unrealistisch.".

00:03:56: Unser Alltag ist enorm schnell geworden, dabei kann die Politik nicht immer mithalten.

00:04:01: Das kann frustrieren und stärkt die populistischen Kräfte", sagt der Soziologe Matthias Quent.

00:04:07: Herzlich willkommen!

00:04:08: Vielen Dank für die Einladung.

00:04:09: Hallo

00:04:11: Ich denke wir alle merken dass die digitale Welt immer schneller dreht.

00:04:15: das heißt also erstecken.

00:04:16: alle in dieser Beschleunigung sind ungeduldig die Wähler aber auch die Politiker.

00:04:22: Es ist ein regelrechter Wettbewerb, um Aufmerksamkeit.

00:04:25: Und in diesem Rattenrennen gibt es nur Verlierer und der Soziologe Hartmut Rosa hat das bezeichnet als der rasende Stillstand.

00:04:32: also einerseits ist die Welt um uns herum so beschleunigt, so schnell!

00:04:36: Und gleichzeitig haben wir das Gefühl in unserem Alltag ändert sich gar nicht so viel, es gibt eine hohe Trägheit Wir kommen gar nicht mit in diesen Entwicklungen.

00:04:43: Also das ist im Grunde ein Zeitgeist dann zu Erwartungen in die Politik führt, an diesem Zeitgeist auch mitzuhalten und genauso schnell zu liefern wie Amazon oder Lieferando das kann.

00:04:54: Das ist natürlich völlig unrealistisch in der Demokratie.

00:04:57: Und dann entsteht eine Frustration, die emotional ist, die aus enttäuschten Erwartung besteht, die daraus besteht.

00:05:03: Dass Politik versucht irgendwie mitzuhalten und dass aber in den allermeisten Fällen auch aus guten Gründen gar nicht schaffen kann?

00:05:11: Aus ihrer wissenschaftlicher Sicht, aus sociologischer Sicht Beschreiben Sie dieses Tempo, indem wir im Moment gerade stecken.

00:05:21: Der zentrale Begriff ist aus meiner Sicht Poli-Krise nach wie vor, weil er ausdrückt dass hier Entwicklungen die einerseits als krisenhaft wahrgenommen werden.

00:05:31: Weil wir keine Bearbeitungsmuster dafür haben und auf der anderen Seite so viel davon gleichzeitig auftritt das es Interessenskonflikte gibt also dass die Auflösung der einen Krise oder die Bearbeitung der eine Krise für andere Probleme bereitet wenn ich mein CO zwei Budget reduzieren will und gleichzeitig Aufrüstung betreiben muss um die Freiheit Europas zu verteidigen.

00:05:49: Das Konflikt, ökonomisch, physikalisch in jeglicher Hinsicht.

00:05:54: Und gleichzeitig sind diese Entwicklungen extrem schnell und verdichtet.

00:05:58: Krisen gab es immer aber in so einer Gedrängtheit, in so ner Schnelligkeit der Entwicklung wie wir sie seit ich würde sagen, im Jahr-Zwei-Tausend-Zweihundzwanzig vor allem auch beobachten.

00:06:07: das ist die große Herausforderung der Zeit, die dazu führt dass Menschen noch mehr als vorher schon das Gefühl haben, es gibt einen Kontrollverlust.

00:06:17: Es gibt eine Nichtregulierbarkeit die Politik wird sich nicht mehr ein.

00:06:21: ich hat das alles nicht mehr im Griff.

00:06:22: der eigentliche Punkt ist aber tatsächlich der politischen Instrumentalisierung und da sind populistische Kräfte Die besten Gefühlsarbeiterinnen.

00:06:31: sie versprechen die Disruption.

00:06:33: Sie können immer auf die Fehler auf die Probleme Auf die Unvollständigkeiten auf die Widersprüche hinweisen Und dem gegenüber steht eine politisch doch auch sich selbst beschneidende Kommunikation, die kaum mit der Lage ist Widersprüche zu benennen weil sie immer so tun muss als sei alles in einem Guss.

00:06:50: Also die Ambivalenz, die wahrzunehmen zu anerkennen, wenn das dann mal Politiker versuchen so wie das Robert Habeck beispielsweise ja gemacht hat.

00:06:59: Ja, dann war es zu intellektuell oder er wurde völlig zerfetzt dafür Die Wirklichkeit ist eben kompliziert und ist widersprüchlich.

00:07:06: Das Auszuhalten is sehr schwierig Und die Beschleunigung überfordert dass nachdenken darüber überhaupt?

00:07:12: Und wir wollen heute genau darüber nachdenkten.

00:07:15: und als ich sie vor ein paar Wochen für dieses Gespräch angefragt habe da hatte ich natürlich die AfD Erfolge in Ostdeutschland im Hinterkopf.

00:07:23: Unterdessen ist aber europaweit gerade etwas anderes passiert, über das wir sprechen müssen.

00:07:33: In Frankreich protestieren Schülerinnen und Studenten Es kommt zu Gewalt sogar Rathäuser brennen wieder.

00:07:41: In Brüssel in Mailand liefern sich Jugendliche Straßenschlachten mit der Polizei.

00:07:51: In Lisbon protestieren Zehntausende gegen unbezahlbare Mieten Und in Tirana stürmen sie Banken.

00:08:05: Überall fordern die Menschen sofortige

00:08:08: Lösungen.".

00:08:10: Ist das, was wir in den letzten Tagen gesehen haben?

00:08:12: In Paris, Mailand und Tirana?

00:08:15: ist das die ultimative Eskalation dieser Zalando-Kultur, die Sie vorhin beschrieben haben, Herr Quent?

00:08:23: Auf der einen Seite ja äußert sich da Ungeduld.

00:08:27: Diese Proteste sind ja sehr stark von Jugendlichern, von Schülerinnen und Studierenden getrieben.

00:08:32: da muss man glaube ich zwei oder drei setze noch hinzufügen, weil das eine ist die Ungeduld natürlich ein Vorrecht auch der Jugend.

00:08:41: Wenn die Lebensspanne kürzer ist wenn die Wahrnehmung sowieso homonell von Problemen intensiver ist und auch die Hoffnungslosigkeit für die Zukunft.

00:08:49: ganz konkret finde ich eine bezahlbare Wohnung.

00:08:52: Wenn nicht zu Hause ausziehen gibt es in meinen Schulen funktionierendes Toilettenpapier findet überhaupt Unterrichtsstaat.

00:08:57: also da sind ja tatsächlich Probleme die spürbar sind.

00:09:00: Es sind ja reale Probleme die Menschen vielerorts gerade junge Menschen aussitzen sie konfrontiert mit der Kriegsbetrug, mit der Klimakrise.

00:09:07: Die Werbpflichtdebatte verunsichert viele junge Menschen.

00:09:10: alles keine Rechtfertigung für diese eruptive Gewalt.

00:09:12: aber gleichzeitig muss man sagen dass die Protestkultur in Frankreich schon immer eine viel militantere gewesen ist auch bei kleineren Protesten.

00:09:21: also das ist jetzt gar nicht so überraschend im zeitverlauf.

00:09:23: das ist natürlich fatal und es ist unzivil es ist illegal es ist extremistisch daran ist es nichts schön zu reden.

00:09:30: und auch dass es in diesem Ausmaß so herausgebrochen und offensichtlich von den Sicherheitsbehörden kaum vorhergesagt wurde.

00:09:36: Das ist auch der Beschleunigung sozialer Medien zu verschulden, aber ehrlicherweise haben wir die Debatten doch bei Banierprotesten, brennenden Autos, Ausschreitungen in Frankreich vor zwanzig Jahren schon genauso diskutiert.

00:09:47: Und hier würde ich eher sagen, Ich finde erschreckender auf der auf der langen Perspektive dass man die sozialen Probleme auch die emotionalen auch die bildungsunterzieherischen Probleme und die Integrationsprobleme Die damit zusammenhängen auf der Langspur politisch nicht hat lösen können so das es immer alle Jahre wieder zu solchen Eruption kommt und diesmal Das ist richtig in einer ganz besonderen Heftigkeit auch gegen kleine Ladenbesitzer gegen die Institution wie Rathäuser Aber nicht ganz neu.

00:10:16: Das stimmt und vor zwanzig Jahren, da war ein gewisser Nicolas Sarkozy war Innenminister.

00:10:21: er hat eine Fernsehansprache gehalten bei diesen Unruhen.

00:10:25: das war im Oktober zwei tausendundfünf also auf einen Zwanzigjahr her.

00:10:29: und er hat einem Begriff gebraucht Rakai also Gesindelabschampöbel.

00:10:34: und interessanterweise hat Marine Le Pen als sie am Wochenende auch eine Fernsehen Sprache sehr präsidial gehalten hat.

00:10:43: Sie haben

00:10:52: auch von diesem sehr umstritten Begriff Gebrauch gemacht, sie sprach auch von Raqai.

00:11:07: Und man sagt ja nach, dass sie jetzt mit dieser Law and Order Haltung profitieren möchte und jetzt Präsidentin werden möchte.

00:11:15: Das führt mich quasi zum nächsten Punkt nämlich was macht die Politik?

00:11:19: Mit dem Tempo?

00:11:21: wie geht's Sie damit um sei es die etablierten Parteien oder die populistischen Parteien?

00:11:26: Die Politik ist durch dieses Tempo getrieben und das kann man an vielen Beispielen, wenn wir in unserer Debatte über das Heizungsgesetz in Deutschland zurückdenken oder viele andere.

00:11:36: Bevor ein Gedanke richtig ausgefeilt ist, ist er schon in der Öffentlichkeit.

00:11:41: bei jeder Kabinettssitzung sitzt die Bildzeitung mit am Tisch durch das Handy von irgendjemandem.

00:11:46: Und ja, das macht was mit Politik.

00:11:47: diese Beschleunigung im Wettbewerb um wer hat die schnellste und stärkste Schlagzeile?

00:11:54: dieser extrem beschleunigte Strukturwandel der digitalisierten Öffentlichkeit ist für die Politik ein riesiges Problem und gar nicht weil sie was zu verbergen hat.

00:12:03: Das ist gar nicht der Punkt, sondern weil es unheimlich schwierig macht sich überhaupt auf das zu einigen, was die Menschen wirklich wollen.

00:12:11: Und das zeigen Umfragen.

00:12:12: Menschen sind von Krisen beunruhigt aber die größte Beunruhmung kommt daher dass der Eindruck entsteht, dass sich die politischen Parteien überhaupt nicht mehr einig werden können.

00:12:21: Was mit diesem Wettbewerb Um Aufmerksamkeit, um wer kann irgendwo noch einen Stich landen zu tun bevor man mal irgendwie auch über eine Diskussion schlafen konnte und dann am nächsten Morgen nochmal mit ein bisschen frischerem Kopf gemeinsam wieder zusammengekommen ist.

00:12:35: Ist es ja jetzt schon explodiert?

00:12:37: Und die Zeitungen nicht gar nicht die Zeitung sondern die Onlinepartale den Untergang der Regierung an die Wand?

00:12:43: das ist wirklich eine Beschleunigung, die der Politik total schwierig macht.

00:12:47: sie hat ja gar nicht mehr die Zeit das zu reflektieren und zu gucken.

00:12:51: wie gehen wir damit eigentlich nicht destruktiv um.

00:12:53: Ja, also die Politik hat eigentlich diese Schrittmacherfunktion eigentlich total verloren.

00:12:59: Ja, sie sind zu Getriebenen geworden.

00:13:00: Der Krisen der Kommunikation und teilweise auch von sich selbst der eigenen Erwartung, der eigenen Koalitionspartner oder auch der eigenen Parteien wenn man sich anschaut wie es Auseinandersetzung in Deutschland beispielsweise zwischen den Bundes- und den Landesverbänden jetzt auch gegeben hat im Kontext der Ostwahlen.

00:13:17: ja Und die AfD in diesem Fall brauchen Grunde nur zusehen Die kann Däumchen drehen und kann weiter darauf hoffen wie die Selbsterstörung weitergeht und sich inszenieren als die Kraft der Zukunft ist ja auch interessant, dass die äußerste Rechte sich gerade eben nicht mehr nur als eine Niedergangsbeschreibungs- und Angstmachpartei darstellt.

00:13:38: Sondern in Sachsen-Anhalt war der Slogan alles möglich also für vieles das eine Drohung.

00:13:43: aber vor allem ist es ein Versprechen gewesen an diejenigen die das Gefühl haben diesen Kontrollverlust da muss doch jetzt mal wieder eine starke Hand durchgreifen ordnung schaffen.

00:13:54: wir sind gleich zurück.

00:14:07: In ihrem aktuellen Buch, das gerade neu herausgekommen ist, sprechen sie von vielgut Rechtsextremismus.

00:14:28: Also quasi dass die einen Eindruck erzeugen von Handlungsfähigkeit.

00:14:32: Den Begriff hat Johannes Heer ins Spiel gebracht.

00:14:35: Ich habe den aufgenommen, weil ich den sehr treffend finde.

00:14:38: Das ist das was Herr Siegmund in Magdeburg beispielsweise ausstrahlt.

00:14:41: Also dieser Sunny Boy und dahinter dieser strampfvölkische Landesverband.

00:14:45: Davon merkt man nichts bei den Selfie-Marktplatzveranstaltungen.

00:14:49: Das sind Bürgerfeste, das sind Familienfeste.

00:14:52: da geht es gar nicht so sehr am Politik sondern es geht um gutes Gefühl, um Gemeinschaft auch darum Lücken zu füllen die sonst nicht mehr angeboten werden.

00:15:00: Also weil sonst keine Parteien mehr wirklich präsent sind, weil das öffentliche Angebot an Angeboten wie eben Marktfesten sonst nicht allzu viel hergibt gerade im ländlichen Raum Ostdeutschlands.

00:15:11: und da kommen die haben eine gute Laune die sagen wir machen jetzt alles anders und ja wir schmeißen die Ausländer raus und ha ha ha gute Launen.

00:15:17: das funktioniert weil es eben auf einer sehr emotionalen Alltagsebene die Menschen abholt.

00:15:22: Dieser Wandel der AfD zur Gute Laune Rechtspartei hat sich ja abgezeichnet, aber in all den Jahren haben die Volksparteien kein Rezept gefunden gegen dieses Mittel wie die AfD auftritt.

00:15:35: Sie sind, wie sie sagen, unmächtig!

00:15:38: Ja, sie sind unmächtig.

00:15:39: Sie nehmen sich teilweise wenn ich mit Politikern und Politikern spreche auch als unmächtig wahr.

00:15:44: und dann muss man ihnen mal sagen also ihr gehört ja zu den ein zwei wahrscheinlich mächtigsten Prozent der Welt in euren Handlungsspielräumen mit den Einflussmöglichkeiten darauf zurückzu besinnen was Trotz der ganzen Komplexitäten und Abhängigkeiten eben machbar wäre.

00:15:59: Aber es sind offensichtlich sehr starke Systemlogiken, die blockierend sind.

00:16:03: Wir haben die Problembeschreibung – ich mache das ja jetzt auch schon ein paar Jahre – seit zehn, fünfzehn Jahren.

00:16:09: früher bei der NPD war's im ländlichen Raum in Ostdeutschland genauso.

00:16:12: Die haben die Nischen genutzt, die die anderen offen gelassen haben und dann die Ideologie im Grunde nachgeordnet mit reingeführt.

00:16:19: Wir wissen wie dieses Spiel funktioniert?

00:16:22: Auch der Bundeskanzler Friedrich Merz Das hatte damals ... Die richtige Analyse.

00:16:26: Er hat gesagt, es gibt riesige weiße Flecken in Ostdeutschland wo die CDU nicht mehr präsent ist.

00:16:30: man will eine weiße flecken.

00:16:31: Kampagne machen heißt also mehr Bürgerbüros mehr Präsenz genau dort wo die Partei nicht mehr da ist.

00:16:38: das war der richtiger Ansatz aber Es ist nicht passiert er wurde nicht umgesetzt.

00:16:41: warum auch immer und das ist eigentlich erschütterndet dass wir kein Erkenntnisproblem haben dass Wir Kein Analysel Problem Haben.

00:16:47: Das gilt ja übrigens für den Klimawandel Und Für Viele andere große große Aufgaben und Herausforderungen Auch.

00:16:53: Sondern Wir Haben Ein Umsetzung Und dieses Umsetzungsproblem kann man als Ohnmacht.

00:16:58: Ich kann gar nichts zu und beschreiben, und das besonders Frappierende ist dass sich eben auch auf die Stimmung in der Bevölkerung auswirkt wo das Gefühl besteht Also die etablierten Parteien der Mitte sind handlungsunfähig.

00:17:11: Die sind blockiert, die lösen die Probleme nicht.

00:17:13: jetzt müssen wir es mal mit jemand anderen probieren.

00:17:15: das erklärt warum die AfD so einen großen Teil Achtzig Neunzig Prozent ihres sympathisanten Umfeldes auch wirklich mobilisieren kann.

00:17:23: Das schafft keine andere Partei.

00:17:26: Und dieses starke Gefühl der O-Macht sehen Sie das eigentlich generell also nicht nur im Wahlverhalten sondern überhaupt im Miteinander oder ist das vor allem eine politische O macht?

00:17:36: Nein, das ist vor allem eine Unmacht auch in der Bevölkerung würde ich als Soziologe sagen.

00:17:40: Ich habe das in dem Buch ja untersucht mit einer Befragung im vergangenen Sommer und interessanterweise gibt es einen großen Widerspruch.

00:17:47: die meisten Menschen fühlen sich gar nicht so unmächtig sondern sagen eigentlich emotional ich bin aktiviert ich will etwas tun.

00:17:54: Und wenn man sie fragt was macht ihr denn?

00:17:56: Was ist die Handlungsebene?

00:17:57: dann wird gesagt ich kann gar nichts tun.

00:17:59: und diese angestaute Energie Die ist es, die zu Frustration und auch zur Umleitung auf autoritäre Angebote oder auf eine allgemeine Politikvertrossenheit führt.

00:18:11: Ich spüre das auch in der Mitte bei Liberalen, bei Linken.

00:18:15: wenn ich mit dem Buch jetzt unterwegs sind viele diese ja wir wissen was das Problem ist aber irgendwie es kommt nicht so richtig aus dem Knick, aus dem Handeln genau diese Wahrnehmung.

00:18:23: Ich habe es ja versucht ich hab mich engagiert und war bei Demonstrationen usw.

00:18:27: Es ist nichts passiert.

00:18:28: also was soll ich denn noch machen?

00:18:31: So wird diese Ohnmacht dann auch wieder rationalisiert und letztlich eingeschrieben.

00:18:36: das Problem ist auch hier Ja es braucht den langem Atem.

00:18:40: Es ist nicht der Sprint, es ist nicht die Beschleunigung, die Probleme lösen wird sondern es ist immer historisch ein Marathon gewesen wenn es darum ging Demokratie zu etablieren sie vielleicht auch zu erweitern.

00:18:52: Aber wie kommen wir denn daraus?

00:18:55: aus diesem Gefühl?

00:18:56: Aus dieser Ohrmacht?

00:18:58: Die Antwort ist eigentlich viel einfacher, als man sich das vorstellt.

00:19:02: Sie liegt im Alltag!

00:19:03: Wenn wir überlegen was macht uns grohnmächtig?

00:19:05: Wann haben wir uns das letzte mal hilflos geführt?

00:19:08: und sind es in der Regel übergreifende Ereignisse?

00:19:10: Ja dann ist das in Medienberichten Wahlergebnis eine Katastrophe die irgendwo stattgefunden hat.

00:19:16: Und wenn wir darüber nachdenken Was gibt uns denn das Gefühl dass wir einen guten Beitrag leisten können?

00:19:21: Dann ist das immer etwas konkretes Dann ist es immer die eigene Erfahrung im Umgang mit anderen Menschen In der Nachbarschaft in der Familie auf Arbeit.

00:19:28: Und das ist die Lösung, die Hoffnung.

00:19:30: Die kommt nicht von oben, die kommt nicht aus einer großen Erzählung oder durch irgendwie ein politisches Versprechen sondern sie kommt durch das Machen.

00:19:38: Denn im Ton entstehen neue Möglichkeiten und vor allem kann man das was wir als Selbstwirksamkeit beschreiben wahrnehmen nämlich dass mein Handeln einen gestalterischen Unterschied hat.

00:19:49: ich spüre dadurch dass sich Freiheiten haben in der Demokratie viel mehr als in den meisten Ländern der Welt und das ist glaube ich der zentrale Aspekt dass wir zu dem Punkt kommen müssen, dass wir Gesellschaft und auch Diskussion weg von dieser Lieferando-Mentalität hin zur Do It Yourself-Mentalität.

00:20:08: dann lieber mal mit den Nachbarinnen und Nachbarn – ich bin ja in Thüringen – zusammen eine Bratwurstgrillen als Pizzabestellen.

00:20:14: Und wenn sie nicht schmeckt, dann gebe ich den ganzen Laden ne schlechte Bewertung.

00:20:18: die Hoffnung, die kommt durchs Machen.

00:20:20: nur dadurch können sich Sachen wieder ins Positive verändern.

00:20:23: Kennen Sie auf der politischen Ebene ein Beispiel?

00:20:26: geben?

00:20:27: Also dazu gehört auch eine gewisse Ohnmachtstoleranz festzustellen, dass man eben bestimmte Dinge nicht ändern kann.

00:20:33: Ich habe mich ehrlich gesagt damit abgefunden das die AfD regieren wird mindestens auf Landesebene und seitdem geht es mir viel besser weil ich dadurch wieder handlungsfähig bin.

00:20:40: Ich versuche nicht mehr Dingen hinterher zu rennen die nicht mehr aufzuhalten sind sondern zu schauen okay unter der Voraussetzung das mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit egal ob jetzt in den nächsten acht Wochen oder in den nähsten sechzehn Monaten.

00:20:51: diese Partei wird die Regierung im Sachsen-Anhalt vielleicht doch in anderen Bundesländern übernehmen.

00:20:55: Was heißt das?

00:20:56: Okay, um handlungsfähig zu bleiben müssen Organisationen beispielsweise resilienter werden dürfen nicht mehr von staatlicher Förderung abhängig sein.

00:21:03: Man muss sich darauf vorbereiten.

00:21:04: wie kann man sich die besonders betroffene Gruppen schützen?

00:21:07: Wie kann man die Verfassung Das ist ja auch in Sachsen-Anhalt dann gemacht worden mit der Parlamentsreform.

00:21:12: Wie kann one Institution Resilient machen gegen extremistische Politik aus ihrem Innern?

00:21:16: Es dringt ja nichts zu hardern und zu diskutieren sondern man muss ins Machen kommen.

00:21:20: Das gilt politisch genauso Und interessanterweise ist er die Covid Pandemie die Corona-Krise eine Situation gewesen, wo politisch gezeigt wurde mit sehr hohen Trotz aller Polarisierung.

00:21:31: Sehr hohen Zustimmungsraten damals für die Regierung wie Handlungsfähigkeit sehr schnell sich ausdrücken kann auch die Bewältigung der Energiekrise nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine.

00:21:43: Damals hat man doch darüber geredet werden Leute in ihren Wohnungen erfrieren?

00:21:47: nichts davon ist passiert.

00:21:48: also es gibt ja wirklich große politische Erfolgsgeschichten auch in der Krisenbewältigung aus den vergangenen Jahren.

00:21:53: wenn Politik sich einig ist, wenn man einen Ziel hat und dann geht es.

00:21:57: Dann funktioniert auch dieser Deliverabilism also dieses Abliefern in Krisensituationen schon indem man macht und weniger lamentiert streitet oder Hoffnungen weckt von dem man in Wirklichkeit weiß dass sie kaum durchsetzbar sind.

00:22:13: Also das man quasi jetzt eigentlich Einsteigt in die Politik, sei es in der Straße oder im kleinen Dorf.

00:22:20: Also dass man wirklich das Gefühl kriegt, man kann etwas im Kleinen verändern dort wo man einen Hebel umsetzen kann

00:22:25: Ja, weil das ist die Voraussetzung auch für die großen Hebel.

00:22:28: Also natürlich kann man nicht mit dem Nachbarn, glaube ich, das nachbarschaftliche Bratwurstessen, die Klimakrise oder den Ukrainekrieg oder den Auskonflikt lösen?

00:22:36: Das ist doch völlig klar!

00:22:37: Aber das zu erwarten macht mich schon unmächtig.

00:22:39: Wenn ich unrealistische Erwartungen habe dann kann ich nur scheitern.

00:22:43: aber wenn viele Menschen zusammenkommen, wenn sie sich zusammentun, wenn Sie eine gemeinsame Problembeschreibung haben und wenn sie aus der Vereinzelung raus in Gemeinschaft kommen, Begnungsräume haben als die, die zum Beispiel die Populisten und Extremisten anbieten.

00:22:59: Dann ergeben sich auch Perspektiven so was in der Geschichte immer das Menschen dann doch feststellen okay es verbindet uns viel.

00:23:07: jetzt lass uns doch hier mal anpacken ich lasse selber in die Politik gehen oder die Politik auffordern, irgendwas zu machen.

00:23:13: Eine andere realistische Antwort demokratischer Beteiligung, die eben nicht autoritär von oben irgendwelche Sachen durchsetzt?

00:23:21: Die gibt es doch gar nicht!

00:23:22: Was haben denn Sie gemacht gegen Ihr eigenes Ohnmachtsgefühl?

00:23:25: Haben Sie ein Buch geschrieben?

00:23:26: Ich habe einen Buch geschrieben um zu erforschen woher kommt eigentlich die Ohne macht?

00:23:30: was hat sie damit zu tun und was kann man dagegen tun?

00:23:32: ja ich muss schon sagen also ich meine ist wirklich so wenn ich damit unterwegs bin und mir sagen Menschen danach im persönlichen Gespräch danke Das hat mir Kraft gegeben.

00:23:40: Ich habe das Buch gelesen, ich habe mich wiedergefunden.

00:23:43: Ich hab Energie und Ideen gefunden jetzt etwas zu

00:23:45: machen.".

00:23:46: Und da merke ich am eigenen Beispiel es ist immer die persönliche, die menschliche Resonanz Die Selbstwirksamkeit, Gefühle und Wahrnehmung unter Wirkungen zeigt.

00:23:56: Es ist weniger dass Anonyme von der Kamera stehen oder mit der Politik diskutieren sondern auf einer sehr menschlichen Ebene auch völlig egal vom politischen oder parteilichen Hintergrund der Menschen da wieder hinzukommen, raus aus der Blase oder aus den unterschiedlichen Blasen mehr auf die menschliche konkrete lokale Kommunikation beziehungsarbeit und Situation.

00:24:20: Dann lässt sich auch diese aufgeheizte politische Emotionalisierung doch zumindest besser verarbeiten.

00:24:28: Matthias Quint vielen Dank dass Sie sich Zeit genommen haben.

00:24:31: für uns liebe Grüße

00:24:32: sehr gern.

00:24:33: Vielen Dank für die Einladung alles Gute.

00:24:37: Das war NCZ Geopolitik, das große Ganze verstehen.

00:24:42: Heute mit dem Soziologen und Experten für Rechtsextremismus Matthias Quent von der Universität Jena.

00:24:49: Sein Buch, das wir mehrmals erwähnt haben heißt Keine Machter Umacht und ist im Pieperverlag erschienen.

00:24:57: Nächste Woche blicken wir wieder in die USA Teil zwei unserer Serie zu den Midterms.

00:25:02: Wir sprechen über die Rolle der Minderheiten bei den Zwischenwahren.

00:25:07: Ich würde mich sehr freuen, wenn wir uns auch mal sehen würden.

00:25:10: Am vierten November nehmen wir eine Live-Geopolitik-Folge zu den Mittels auf im Kaufleuten in Zürich.

00:25:17: Danke fürs Zuhören.

00:25:18: Mein Name David Vogel.

Neuer Kommentar

Dein Name oder Pseudonym (wird öffentlich angezeigt)
Mindestens 10 Zeichen
Durch das Abschicken des Formulars stimmst du zu, dass der Wert unter "Name oder Pseudonym" gespeichert wird und öffentlich angezeigt werden kann. Wir speichern keine IP-Adressen oder andere personenbezogene Daten. Die Nutzung deines echten Namens ist freiwillig.